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Hypnose Erfahrungen gegen Angst und Panikattacken.

Hypnose Erfahrungen gegen Angst und Panikattacken

Vergessene Tränen

Wie eine Frau durch Hypnose ihre Angst vergaß

Berlin Tempelhof, an einem milden Oktobermorgen. Sarah steht vor der Praxis des Hypnotherapeuten Jojo Weiß.
Sarah ist nicht ihr richtiger Name, denn sie hat Angst. „Fast keiner weiß davon. Angst ist einfach nicht gesellschaftstauglich.“ Hypnose sei der letzte Versuch, ihre „Angst wegzumachen“.
Die intensive Kurzzeittherapie ist 4000 Jahre alt. Bereits Platon (4. Jh. v. Chr.) beschrieb die heilende Wirkung in seinen Schriften. Sie gilt bis heute bei Stress, Ängsten, Panikattacken, Depressionen, Traumata und Lebenskrisen aller Art als hilfreich.
In ihren 37 Jahren erlebte Sarah drei Episoden voller Angst und Panik, ausgelöst durch Überforderung im Job und in ihrer Ehe. Die letzte dauerte zwei Jahre; die „Reste“, wie sie es nennt, wirken noch immer nach. Die selbstständige Trainerin erträgt heute kaum mehr als 20 Menschen in einem Raum. In harten Zeiten zwingt es sie in die Isolation.
„Ich habe deswegen nur noch wenige Kontakte.“ Langjährige, denen sie vertraue.
„Wenn ich mich beweisen muss, leisten muss, mich verstellen muss, um gemocht zu werden, bekomme ich Angst“, erzählt sie dem Hypnotiseur einige Minuten später in seinem Behandlungsraum. Sarah hat sich in einen beigefarbenen Ohrensessel gesetzt und wirkt leicht nervös.
„Früher hatte ich oft Panik. Eigentlich überall, im Supermarkt, in der Bahn. Mir hat alles Angst eingejagt.“ Heute seien es Schlaf- und Verdauungsstörungen, Herzrasen, tagelange innere Unruhe und Anspannung, plötzliche Enge in der Brust. „Ich weiß, dass ich mir mehr Zeit für mich nehmen müsste, aber…ich kann mich einfach nicht entspannen.“
Ihr Kopf sei voller Sorgen. Die Angst tue ihr Übriges, halte sie davon ab, zu funktionieren. Sarah ist seit ihrer Scheidung vor einem Jahr allein für ihren fünfjährigen Sohn verantwortlich.
„Das Geld ist knapp“, die Lebensfreude auch. Freiheit: für Sarah „ein Traum“.
„Vor Sigmund Freud war Hypnosetherapie die einzige Form der Psychotherapie“, erklärt Jojo Weiß. Er stand jahrelang als Comedian auf der Bühne. Mit Angst kennt er sich aus. Er gibt Sarah ein Glas Wasser und setzt sich ihr gegenüber.
„Immer wieder höre ich, Hypnose sei nur etwas für willensschwache Menschen. In der Therapie hat sie jedoch nichts mit der Show Hypnose aus dem Fernsehen zu tun.“ Dafür sei sie höchst wirksam: Im Vergleich zu anderen Therapieformen, erziele Hypnosetherapie in kürzerer Zeit positivere Ergebnisse. „Im Schnitt zwei bis vier Sitzungen“, erzählt er Sarah, bevor er sich an ein Whiteboard stellt. Er malt einen Zeitstrahl und bittet sie, alle Erlebnisse seit ihrer Geburt, die einschneidend und belastend waren, aufzuzählen. Es scheint, dass das Reaktionsmuster in Sarahs Leben auf der Angst vor Trennung basiert.
Dann folgen die freudvollen. Sie besprechen lange Zeit, was Sarah Kraft gibt. „Mein Sohn, meine Freunde, Natur, Malen“, erzählt sie. Jojo Weiß vervollständigt den Zeitstrahl.
Wenige Zeit später holt er eine Contra-Sanduhr hervor. Der Sand bewegt sich darin nach oben, nicht nach unten. Sarah soll sich darauf konzentrieren, während Jojo Weiß mit tiefer, ruhiger Stimme einige motivierende, beizeiten tröstende Worte spricht. Es klingt, als würde er seiner kleinen Tochter ein Märchen vorlesen. Sarah lässt sich immer tiefer in den Sessel fallen, hat Mühe, ihre Augen offen zu halten. Innerhalb weniger Minuten ist sie in Trance, „eine tiefe, körperliche und geistige Entspannung. Äußere Einflüsse treten in den Hintergrund“, hatte Jojo Weiß vorher erklärt. Sie kann trotz Trance frei sprechen, wie er es prophezeit hatte: In der Hypnosetherapie gebe es kein Machtgefälle.
Er stellt ihr einige Fragen: Wo sie wohne, welche ihre Lieblingsfarbe sei, um ihr Gefühl der Selbstbestimmung zu stärken.
Dann holt er sie aus der Trance zurück. Sie ist benommen, kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Er bittet Sarah zu einer petrolfarbenen Liege und deckt sie mit einer Decke zu, setzt sich an ihre rechte Seite auf einen Hocker, stellt eine Uhr auf den Beistelltisch.
„Schließ deine Augen. Ich werde dich hin und wieder am Handgelenk, an der Schulter und Stirn berühren.
Ist das in Ordnung?“
Sarah nickt und summt ein leises „Hm.“
Die Technik des Ankerns ist wesentlich in einer Hypnose. Durch Berührung werden die schönen Erlebnisse und Gefühle verankert, um durch sie die negativen Erinnerungen ertragbar zu machen. Sarah ist in Sekundenschnelle in der zweiten Trance. Jojo Weiß spricht von Orten in der Natur, die sie liebt – das Meer, der Wald – und ihrem Sohn, während er sie am Handgelenk und an der Schulter berührt.
Dann beginnt er, in einem schnellen Takt auf ihre Stirn zu klopfen und führt sie in die Erinnerung an die weniger schönen Zeiten. Die, in denen sie voller Angst war. Das Klopfen verlangsamt Sarahs furchterfüllte Reaktion. Der sogenannte kritische Faktor des Bewusstseins würde dadurch abgelenkt, der Zugriff auf unbewusste Inhalte erleichtert.
„Folge deinem Geist in eine frühere Situation deines Lebens, in der du dich so gefühlt hast.“ Sarah erzählt vom Stress im Job, unerfüllbaren Anforderungen, den Streitigkeiten zwischen ihr und ihrem Ex-Mann. Ihre Stimme wird tiefer, langsamer und bedrückter. Jojo Weiß‘ Hand ruht auf ihrer Schulter.
„Ist die Angst, die du spürst, ein altes oder neues Gefühl?“
Es ist alt. Wieder beginnt er auf ihre Stirn zu klopfen. Er ist auf der Suche nach einem für sie neuen Gefühl, das in der Vergangenheit die Basis für Sarahs Angst gelegt hat. Etwas, das tief in ihr begraben liegt. Er bittet sie, noch weiter zurück in die Erinnerung zu gehen. Eine Minute später erzählt sie von frühen Ereignissen.
„Wie alt bist du?“
„Vielleicht drei oder vier“, antwortet Sarah.
Sie sieht Menschen, die seit 30 Jahren tot sind. Ihre Augen sind geschlossen; trotzdem laufen ihr Tränen über das Gesicht. Ihre verstorbene Großmutter, die sie so sehr geliebt hatte. Der Vater und Onkel, ohne die sie aufwuchs, aber nach deren Zuwendung sie sich gesehnt hatte. Die fehlende Aufmerksamkeit der arbeitstätigen, alleinerziehenden Mutter, die nur funktionierte, um Sarah und ihren Bruder durchzubringen. Später erzählt Sarah, dass sie die Gefühle in der Trance zwar wahrnahm, aber nicht ernst.
„Als wäre alles nur ein trauriger Film.“
Die Hypnose endet nach einer Stunde. Die Vorurteile, Hypnose würde Menschen gegen ihren Willen Ungewolltes tun lassen, stimmen tatsächlich nicht. Auch Sarah zweifelt nicht länger. Müde und schwer von der Trance vereinbaren sie einen Folgetermin.
„Noch eine Anmerkung“, sagt Jojo Weiß, als Sarah ihre Jacke anzieht: „Beobachte mit aufmerksamer Neugier, was sich in den nächsten Tagen zeigt und heiße die Veränderungen willkommen.“ Sarah nickt. Dann verlässt sie die Praxis.
Für den restlichen Tag fühlt sie sich gelähmt und schläft.
In den Folgetagen war es still in ihr. Nichts Störendes kam an sie heran. Sie schloss Projekte ab, blieb trotz Stress ruhig und angstfrei. „Es fühlt sich so an wie immer, nur, dass jetzt alles an mir vorbeizieht. Es berührt mich nicht mehr.“
Sie wird den zweiten Termin dennoch wahrnehmen. Nur eines wird sie anders machen:
„Wasserfeste Wimperntusche tragen!“ Sie lacht. Und geht mit ihrem Sohn auf den Spielplatz.

Autorin: Janett Menzel