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Was heißt es ein Therapeut zu sein
Posted on 29. Mai 2018 · Posted in Blog

Was heißt es ein Therapeut zu sein

Die Praxistüre öffnet sich, ein Mensch betritt den Raum. Es ist ein magischer Augenblick. Wir sind uns fremd und doch vertraut. Vorsichtiges aufeinander Zugehen, Blicke, Gesten, ein Lächeln und die Reise beginnt. Der amerikanische Psychotherapeut und Schriftsteller Irvin Yalom bezeichnet Patienten und Therapeuten, in seinem Bestseller „Der Panama Hut“, als gemeinsam Reisende. Ein schönes Bild. Ich nenne sie gerne Besucher, die ein Anliegen und ebenfalls die Lösung dafür mitbringen. (Schließlich kann ja kein Mensch etwas in den anderen hineintun)
Unsere gemeinsame Arbeit besteht unter anderem darin, den Zugang zur Lösung zu ermöglichen, einen Zugang, der – wie auch immer – verbaut ist.

Ich denke Therapeut sein heißt in erster Linie Mensch sein und in Beziehung zu gehen.
Wenn meine Praxisbesucher sich innerhalb kürzester Zeit öffnen und vertrauensvoll tiefe Einblicke gewähren in ihre Welt, eine Welt die tatsächlich einzigartig ist, dann empfinde ich dies als ein großes Geschenk. Ich würde mich sehr freuen, Dir durch diesen Beitrag meine Begeisterung für den therapeutischen Beruf ein Stück näherzubringen. Die Fähigkeit und das Bedürfnis einander zu unterstützen ist so alt wie die Menschheit selbst und ich bin dankbar, dies als Berufung leben zu dürfen.

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Im Grunde genommen beginnt die gemeinsame Reise viel früher als in der Praxis. Irvin Yalom ist Psychiater und Psychoanalytiker, ich bin Hypnosetherapeut. Hypnose gilt als Kurzzeittherapie, d.h. die meisten meiner Praxisbesucher (ich mag dieses Wort lieber als Patienten, Klienten oder Kunden), kommen zwischen zwei und sechsmal zur Sitzung, um eine Lösung für ihr Anliegen zu finden. Sie kommen auf Besuch und ihre Geschichte ist ihr Gastgeschenk. Milton Erickson sagte einmal zu einem seiner Patienten: „Mich interessiert nicht ihr Geld, mich interessiert ihre Geschichte“. Das heißt nicht, dass wir als Therapeuten, Coaches oder Berater unentgeltlich arbeiten sollen, es ist ja ein Beruf. Das Thema Bezahlung in helfenden Berufen wäre sicherlich einen eigenen Beitrag wert.

Bevor wir uns persönlich kennengelernt haben, waren die Menschen in der Regel auf meiner Webseite, dort gibt es neben den Texten auch die Möglichkeit Videos zu sehen, um sich einen Eindruck von den Räumen und meiner Person zu verschaffen. Im zweiten Schritt telefonieren wir ausführlich und mein Gegenüber füllt einen Anamnesebogen aus und sendet ihn vor unserem ersten Treffen per Mail zurück. Das bedeutet, bevor wir uns das erste Mal sehen, haben wir bereits einiges an Vorarbeit geleistet. Jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir uns das erste Mal gegenüberstehen.

Was in der Therapiearbeit gefragt ist

Während wir dazu neigen, uns im Alltag stets von der besten Seite zu zeigen, finden wir hier ein anderes Setting vor. Zwei Menschen treffen aufeinander, von denen einer offensichtlich eine Form von Beistand, Unterstützung oder soll ich sagen Hilfe sucht. Dazu braucht es die Vorannahme, dass es einen Hilfesuchenden und einen Helfer gibt. Mir gefällt die Vorstellung, ein Begleiter zu sein und ich sage meinen Praxisbesuchern gerne:“ Ich bin ein Möglichkeitenlieferant, dazu sind u.a. Einfühlsamkeit, Kreativität und Humor gefragt. Ich liefere Optionen und Du kannst auswählen. Je mehr Einblick Du mir in Deine Welt gewährst, desto passender können die Optionen sein. Stell Dir vor, ich biete Dir einen Blumenstrauß an und Du darfst Dir genau die mitnehmen, die Dich ansprechen. Die anderen lässt Du in der Vase und das ist völlig in Ordnung. Es könnte jedoch sein, dass Du zu einem späteren Zeitpunkt nochmal einen Blick auf das ein oder andere Exemplar werfen möchtest.

Passende Angebote zu erstellen ist eine überaus kreative Arbeit und es gibt Klienten/Patienten, die sehr kreativ sind, um Wege zu finden, diese Angebote nicht annehmen zu müssen. Allen voran, der sogenannte JA-ABER-TYP. Er ist ein Meister des Widerstandes und anderer Abwehrmechanismen. Dabei fordert er jede Menge kreativen Input, Verhandlungsgeschick, Humor und auch Klarheit. Erkenntnisse, Aha- und Glücksmomente auf beiden Seiten, können eben auch „Arbeit“ bedeuten. In meinen vorigen Berufen als Komiker und Gärtner, durfte ich sozusagen querbeet Erfahrungen sammeln, um mit verschiedensten Charaktertypen Bekanntschaft zu machen und umgehen zu lernen. Sich auf den jeweiligen Menschen einzustellen, auf seine Sprache, seine Herkunft, seine momentane Verfassung und seine Eigenarten, ist für mich das Salz in der Suppe, während der täglichen Praxisarbeit. Berechtigterweise stellt sich die Frage: Was ist es denn, das verschiedensten Menschen hilft, sich vom Problembewusstsein hin zu einer lösungsorientierten Sichtweise zu bewegen? Vom Standpunkt eines Hypnosetherapeuten könnte man sagen: „Wie kommt mein Gegenüber von der Problemtrance in eine Lösungstrance?
Einer, der sich damit viele Jahre seines Lebens auseinandergesetzt hat, war der Schweizer Psychotherapieforscher Klaus Grawe.

Was macht eine gute Therapie aus

5 Wirkfaktoren in der Therapie nach Klaus Grawe

was heisst es ein Therapeut zu sein

*Therapeutische Beziehung:
Die Qualität der Beziehung
zwischen dem Psychotherapeuten und dem Patienten / Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.

*Ressourcenaktivierung:
Die Eigenarten, die die Patienten in die Therapie mitbringen, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen der Patienten.

*Problemaktualisierung:
Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient reale Situationen aufsuchen, in denen die Probleme auftreten, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken wie intensives
Erzählen, Imaginationsübungen, Rollenspiele o.ä. die Probleme erlebnismäßig aktualisieren.

*Motivationale Klärung:
Die Therapie fördert mit geeigneten Maßnahmen, dass der Patient ein klareres Bewusstsein der Determinanten (Ursprünge, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren) seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt.

*Problembewältigung:
Die Behandlung unterstützt den Patienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen (direkt oder indirekt) darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen.

Quelle: Literatur: Klaus Grawe: Psychotherapie im Wandel/ Hogrefe Verlag

Ist es nicht interessant? Die Therapeutische Beziehung steht nach Grawe
an erster Stelle der Wirkfaktoren. Glückliche Beziehungen zu führen gilt als eines unserer Grundbedürfnisse. Im Mikrokosmos der therapeutischen Praxis findest sich quasi ein geschützter Übungsraum. Kommen doch viele Menschen zur Therapie, weil sie in irgendeiner Form Probleme in der Beziehung zu sich oder anderen haben.
In seinem Buch Psychotherapie im Wandel findet sich eine Zusammenfassung der damals verfügbaren Studien ( es waren genau gesagt 897 an der Zahl) zur Wirksamkeit verschiedener Therapieverfahren. Das heißt, diese Wirksamkeitseinschätzung fand schulenübergreifend statt.

Woran erkenne ich einen guten Therapeuten

Wenn in der Überschrift dieses Beitrags die Frage gestellt wird: Was heißt es ein Therapeut zu sein, könnten wir diese Frage sicherlich erweitern zu – Was heißt es ein guter Therapeut zu sein? Mit der Beantwortung dieser Fragen beschäftigen sich verschiedene therapeutische Schulen schon seit geraumer Zeit. Neben der Ausbildung und Erfahrung entscheiden letztendlich unsere Patienten, Klienten, Kunden oder wie ich sie gerne nenne Praxisbesucher, über die Qualität unserer Arbeit.
Menschen ein Stück ihres Weges unterstützend zu begleiten, Ihnen auf einer tiefen Ebene zu begegnen, ihre Wünsche, Fortschritte und Rückschläge, ihren Mut und ihre Einsatzbereitschaft mitzuerleben, nehme ich als eine zutiefst sinnvolle und befriedigende Arbeit wahr. Ich hoffe, dies spiegelt sich in meiner Arbeit wider.

Herzliche Grüße,
Jojo Weiß