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Hypnotherapie nach Milton Erickson
Posted on 26. April 2017 · Posted in Blog

Hypnotherapie nach Milton Erickson Milton Modell Hypnose

Hypnotherapie nach Milton Erickson

In diesem Beitrag findest Du Informationen und persönliche Gedanken zu Milton Erickson, mit vollem Namen Milton Hyland Erickson. Er gilt als Begründer der modernen Hypnotherapie und ist mit Sicherheit eine der einflussreichsten Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Hypnose- und Psychotherapie. Sein indirekter Kommunikationsstil, oft auch als hypnotische Sprachmuster bezeichnet, wurde von den Begründern des NLP (Neurolinguistisches Programmieren), Richard Bandler und John Grinder im sogenannten Milton Modell festgehalten. Reine Biographien von Milton Erickson findest Du im Internet z. B. bei Wikipedia oder bei der Milton Erickson Gesellschaft M.E.G.

Ausgehend von der Frage: „Was können wir heute von Dr. Milton Erickson lernen?“, beschäftige ich mich als Hypnosetherapeut mit der Arbeit dieses beeindruckenden Menschen. Mein Hauptanliegen ist es, jenseits von einem Personenkult und mit den veränderten Gegebenheiten der heutigen Zeit, herauszufinden was ich in der Therapiearbeit durch die Hinterlassenschaft Ericksons lernen kann.

 

Leben und Wirken von Milton Erickson

Geboren wurde er am 05. Dezember 1901 in Aurum, Nevada (USA), und starb am 25. März 1980 in Phoenix Arizona (USA).

Offensichtlich war Milton Erickson ein sehr charismatischer Mensch, der vom Leben vor große Herausforderungen gestellt wurde und daraus hervorragende therapeutische Ansätze entwickelte. Diese Qualitäten finden wir immer wieder bei Menschen, denen ein schweres Los beschieden ist und denen es gelingt, daraus positive Energie zu gewinnen. Als zweites von neun Kindern galt er lange Zeit als zurückgeblieben, war Legastheniker, farbenblind und erkrankte nach seinem Highschool Abschluss mit 17 Jahren (1919) an Kinderlähmung.

Nach drei Tagen im Koma kam er zu sich, mit einer schlechten ärztlichen Prognose. Weitgehend muskelgelähmt, konnte er lediglich die Augen bewegen und nur mühsam sprechen. Während er mehrere Monate viele Stunden des Tages in einem Schaukelstuhl verbrachte, arbeitete er mental mit Selbsthypnose und Visualisierungen daran, dass seine Muskeln wieder funktionstüchtig wurden. Ein Prozess der als Ideomotorik oder Carpenter Effekt bekannt ist. Nach knapp einem Jahr konnte er wieder auf Krücken laufen und ging zur Universität. Entgegen ärztlichem Anraten begab er sich auf einen Kanutrip auf dem Mississippi. Dies war kein Wochenendausflug, sondern eine 1200 Meilen-Reise von der er erstaunlich gekräftigt zurückkam. Weitere zwei Jahre später konnte Milton Erickson ohne Krücken gehen, hinkte jedoch mit seinem rechten Bein.

Er hatte also zu diesem frühen Zeitpunkt in seinem Leben bereits die Legasthenie überwunden und einer schweren körperlichen Erkrankung getrotzt. Auch wenn Erickson sich Zeit seines Lebens viel mit unbewussten Prozessen beschäftigt hat, sieht man hier einen unbändigen Willen und Disziplin. Ist es nicht das, was erfolgreiche Menschen ausmacht, wenn bewusste und unbewusste Prozesse Hand in Hand einhergehen? Gepaart mit Talent und einer glühenden Leidenschaft für die Berufung ist es gut nachvollziehbar, dass hier ein Mensch lebte, der einer der Großen seines Feldes wurde.

Im zweiten Jahr auf der Universität fing er an sich verstärkt mit Hypnose zu beschäftigen. Inspiriert wurde er dabei durch eine Hypnosedemonstration des Psychologen Clarke L. Hull. Allem Anschein nach begann er unmittelbar darauf mit Familienmitgliedern, Freunden und Studienkollegen zu üben. Er war ein Mensch, der unglaublich viel probierte, forschte, ein Mann der die Hypnose sozusagen lebte.

Etwas, das Menschen die näher mit ihm zu tun hatten immer wieder berichten; etwas, das wir als Therapeuten uns für unsere Patienten und Klienten ja ebenfalls wünschen. Hypnose in ihren Alltag zu ihrem Nutzen einzubauen. – Schließlich hypnotisieren wir uns alle selbst, wenn wir uns z.B. in Probleme hineinsteigern, warum sollten wir uns also nicht auch aus Problemen hinaussteigern können. Auf diese Weise hat Milton Erickson tatsächlich neue, eigene Techniken entwickelt. Ein Prozess, der im heutigen copy and paste Tempo immer schwieriger scheint; sich ausreichend Zeit zu nehmen um eigene Erkenntnisse zu gewinnen, Erfahrungen zu sammeln, die bei genauerem Hinsehen auch standhalten können.

Seine erste Ehe hielt von 1925-1935 und brachte drei Kinder hervor. Seine zweite Ehe hielt von 1936 bis zu seinem Tod 1980. In dieser Zeit wurde er Vater von weiteren fünf Kindern. Bemerkenswert finde ich wie im Hause Erickson Kinder in Kontakt kamen mit Patienten. Ein Zimmer des Wohnhauses diente als Wartezimmer, in dem es durchaus vorkam, dass Patienten mit den Kindern der Familie spielten. (Nachzulesen in Einzelunterricht bei Erickson von Jeffrey Zeig.)

In diesem Buch ist auch beschrieben, wie Erickson eines seiner Kinder bat, sich die Treppe vor dem Haus einer Patientin anzuschauen und sie zu begehen, um ihm eine genaue Beschreibung zu vermitteln. Auf diese Weise konnte er eine personalisierte Hypnoseinduktion für die Patientin entwerfen. Wie krass steht dies im Gegensatz zu generalisierten Skripten und Induktionen.

Ebenfalls ist in diesem Werk mit dem Untertitel „Hypnotherapeutische Lektionen bei Milton H. Erickson“ der Fall John beschrieben. Darin geht es um die Langzeittherapie eines schizophrenen Jungen, den Erickson auf höchst ungewöhnliche Weise therapiert. Welcher Therapeut würde seinen Patienten regelmäßig zum Fernsehabend in sein Haus einladen, ihm einen Hund besorgen, der im Wohnhaus des Therapeuten und seiner Familie lebt, damit der Patient regelmäßige Sozialkontakte bekommt und zugleich noch lernt Verantwortung zu übernehmen. Viele seiner Fallbeispiele lesen sich wie Kurzgeschichten und vermutlich wurden diese im Sinne der Wirksamkeit hier und da zugespitzt und dramatisiert. Teilweise werden von seinen Anhängern in Ericksons` Aussagen und Interventionen geradezu „übermenschlich geniale“ Bedeutungen hineininterpretiert, die sich ihm höchstwahrscheinlich selbst nicht erschlossen hätten. Zwischen den Zeilen lässt sich jedoch immer eine tiefe Wärme, enormes Interesse an den Patienten und ein hohes Maß an Menschlichkeit spüren.

1928 folgte der Abschluss seines Studiums (Master of Arts in Psychologie und dem Doktor der Medizin.) Jetzt konnte er als Assistenzarzt in verschiedenen Krankenhäusern arbeiten.
1930 -1934 hielt er verschiedenen Positionen im Worcester State Hospital in Massachusetts inne, bis hin zum leitenden Arzt.
1934 – 1948 hatte er eine ordentliche Professur für Psychiatrie an der medizinischen Fakultät der Wayne State Universität in Detroit, Michigan.
Milton Erickson war Psychiater, Psychotherapeut, Psychologe, Lehrer und Autor. Ein Praktiker, der zahlreiche Patienten mit verschiedensten Störungsbildern behandelte und dadurch seine Forschungen auf dem Gebiet der Hypnose direkt umsetzen konnte.

1947 verletzte er sich bei einem Fahrradsturz. Bei der anschließenden Tetanusimpfung erlitt er einen lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock, mit einer anschließenden schweren Pollenallergie.
Daraufhin zog er mit seiner Familie in das reizärmere, mildere Klima nach Phoenix (Arizona). Dort traten weitere Allergien gegen Hausstaub und verschiedenen Lebensmittel auf. Milton Erickson eröffnete in Phoenix eine private Praxis, die er von zu Hause aus betrieb.

Im Jahr 1953 erkrankte er am Post-Polio Syndrom, darauf folgte ein längerer Aufenthalt in einem Krankenhaus in Maryland. Seine Frau Betty Erickson schrieb in einem Brief, veröffentlicht nach seinem Tod, dass Milton Erickson immer wieder Krankheitsschübe hatte, von denen er sich soweit erholte, dass er wieder arbeiten und reisen konnte. Nach jedem Krankheitsschub wurde jedoch zusehends Muskelmasse abgebaut wurde und der Körper ihres Mannes wurde schwächer.
Erickson arbeitete in dieser Zeit mit Leuten wie Jay Haley, Gregory Bateson, Margaret Mead, Lawrence Kubie und John Weakland zusammen.

1957 gründete er die Amerikanische Gesellschaft für Klinische Hypnose und wurde deren Vorsitzender.
1958 gründete er das American Journal of Hypnosis, welches er bis 1968 herausgab.
1969 verschlechterte sich seine Gesundheit zusehends und er beendete seine Vortragsreisen.
1974 gab er seine private Praxis auf
1976 also vier Jahre vor seinem Tod, erkrankte er ein weiteres Mal am Postpolio Syndrom, erneuter Muskelschwund, Schmerzen in multiplen Bereichen und als Folge eine halbseitige Gesichtslähmung.
Seit dieser Zeit war er auf einen Rollstuhl angewiesen.

Milton Erickson war ein Mensch, der mit seiner Krankheit über sich hinausgewachsen ist, ein Lernender, der sich offensichtlich in großen Abschnitten seines Lebens auf die positiven Aspekte dieser Erkrankung fokussiert hat. Eine Lebensart, der man sich laut Zeitzeugen sowohl als Patient, wie auch als Familienmitglied oder Wegbegleiter nicht entziehen konnte. Neben seinem Humor war die Stimme eines seiner wichtigsten Werkzeuge. Das markante Timbre seiner Stimme kannst Du heute auf Ton und Videoaufnahmen erleben. Auch Jahre nach seinem Tod sind wir fasziniert von seiner Fähigkeit vermeintliche Schwächen in Stärken umzumünzen. In Fallbeispielen finden sich teilweise skurril anmutende Hausaufgaben für seine Patienten. Auch dies eine außergewöhnliche Ressource, die nicht jedem Therapeuten in die Wiege gelegt ist. Begriffe wie Reframing, Pacing und Leading finden sich hier in einem Menschenleben in ihrer ursprünglichsten Form wieder. Vielleicht auch vorgegeben durch ein Tempo, welches Milton Ericksons körperliche Beeinträchtigungen mit sich brachten.

All jene Fähigkeiten, die neben den sprachlichen Qualitäten auch für John Grinder und Richard Bandler beim Neurolinguistischen Programmieren (NLP) und ihrem Milton Modell interessant waren. Sie modellierten erfolgreiche Therapeuten wie Fritz Pearls, Virginia Satir und eben auch Milton Erickson, um deren Können für andere nachvollziehbar und lehrbar zu machen. Erickson selbst stand dem Ansinnen der beiden eher skeptisch gegenüber.
Bezeichnend für seinen trockenen Humor finde ich folgende Aussage:
„They wanted me in a nutshell, now they have the nutshell.“
(Was man sinngemäß übersetzten könnte mit: „Sie wollten mich in einer Schachtel, jetzt haben sie die Schachtel)

Das Unbewusste war für Erickson eine schier unerschöpfliche Quelle, welche es zu nutzen galt. Ein Reservoir von Möglichkeiten, die jedem zur Verfügung stehen. Im Vordergrund seiner Arbeit stand die Individualität des Menschen und der Anspruch für jeden Patienten einen eigenen Ansatz zu finden. Ericksons großer Verdienst ist es, dass Hypnose in der Therapie wieder vermehrt eingesetzt wird, nachdem sie durch die ablehnende Haltung Sigmund Freuds über längere Zeit in den Hintergrund geraten war.

Es gibt zahlreiche gut dokumentierte Fallbeispiele, die Milton Erickson der psychotherapeutischen Fachliteratur beigesteuert hat. Oft in Zusammenarbeit mit Ernest Rossi, der sein Schüler war und für eine umfangreiche Dokumentation von Ericksons Arbeit sorgte.

 

Entwicklung der Hypnotherapie nach Milton Erickson

In vielen Ländern der Welt gibt es heute Milton-Erickson-Institute.
Viele seiner Schüler und Studenten verbreiten und weiterentwickeln seine Arbeit.
Allen voran Jeffrey Zeig, der über einen Zeitraum von sechs Jahren unentgeltlich Einzelunterricht von Erickson bekam und dem heutzutage weltweite Anerkennung für die Fortführung der Ericksonschen Arbeit zuteil wird. Im deutschsprachigen Raum ist Gunther Schmidt einer der namhaften Vertreter der Ericksonschen Hypnotherapie in Verbindung mit systemischer Therapie. Ebenfalls werden die Namen Ortwin Meiss, Peter Burkhard, Prof. Dr. Dirk Revenstorf und Bernhard Trenkle häufig genannt. Dr. Agnes Kaiser Rekkas, gilt als eine der wenigen führenden weiblichen Vertreter auf dem Gebiet der modernen Hypnose.

Die Zeiten haben sich geändert, vieles ist schneller geworden, bunter, lauter und unsere Aufmerksamkeit wird von unzähligen Reizen in Beschlag genommen. Wir hypnotisieren uns mit unseren Smartphones, tauchen in Sekundenschnelle ein in Parallelwelten, Schlagzahl und Anforderungen an den einzelnen haben sich enorm erhöht. Entspannung und Entschleunigung sind in aller Munde, nur wer praktiziert sie? Ich frage mich: „Welche Geschichten und Metaphern würde Milton Erickson den Menschen heute erzählen, welche Hausaufgaben würde er ihnen in jetzt mit auf den Weg geben?

 

Vor und Nachteile der Hypnotherapie nach Milton Erickson

Die Erwartungshaltung der Patienten hat sich ebenfalls geändert. Neue Erkenntnisse der modernen Hirnforschung fließen vermehrt in die Hypnotherapie mit ein. Erkenntnisse, die zu Ericksons Zeiten definitiv nicht verfügbar waren. In den letzten Jahren seiner Tätigkeit als Hypnosetherapeut soll Milton Erickson keine formellen Hypnoseinduktionen mehr verwendet haben. Trancearbeit lief bei ihm zu diesem Zeitpunkt ausschließlich über´s Gespräch. Er war als hervorragender Geschichtenerzähler bekannt, der auf diese Weise Trancen induzieren und Suchprozesse auslösen konnte, ohne Widerstand zu kreieren. Eine Arbeitsweise, die jedoch die Erwartungshaltung vieler heutiger Patienten nicht befriedigen kann. Insbesondere in der medizinischen Hypnotherapie, wo beispielsweise eine schnelle und gezielte Schmerzabschaltung erwünscht ist, gibt es effektivere Herangehensweisen.
Dies war auch zu Ericksons Lebzeiten schon so. Er hatte jedoch seinen eigenen Stil, dem er treu blieb und der ihn zu einem der berühmtesten Hypnotiseure aller Zeiten werden ließ.

Ich denke, wir Therapeuten und Coaches sind gerade im Ericksonschen Sinne dazu aufgerufen, unsere eigene Vorgehensweise zu entwickeln und uns auf die eigenen Fähigkeiten, Stärken und Potentiale zu besinnen. Mehr als einmal hat er den Hinweis gegeben: „Kopiere mich nicht, finde Deinen eigenen Weg“. Worte, die bereits viele erfolgreiche Lehrer ihren Schülern mit auf den Weg geben.

Veränderung führt wesentlich öfter zu Erkenntnis,
als Erkenntnis zu Veränderung führt.

Milton Erickson –

 

Literaturhinweise zu Milton H. Erickson

Hypnotherapie:
Aufbau, Beispiele, Forschungen
Autoren: Milton H. Erickson, Ernest L. Rossi
Verlag: Klett-Cotta
Hypnose:
Induktion, Therapeutische Anwendung, Beispiele
Autoren: Milton H. Erickson, Ernest L. Rossi, Sheila L. Rossi
Verlag: Klett-Cotta

Hypnose erleben:
Veränderte Bewusstseinszustände therapeutisch nutzen
Autoren: Milton H. Erickson, Ernest L. Rossi
Verlag: Klett-Cotta

Einzelunterrricht bei Erickson:
Hypnotherapeutische Lektionen bei Milton H.Erickson
Autor: Jeffrey K. Zeig
Verlag Carl-Auer

My Voice Will go With You:
The teaching tales of Milton H. Erickson
Autor Sidney Rosen
Verlag: W.W. Norton

Der Februarmann:
Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung in Hypnose
Autoren: Milton H. Erickson, Ernest L. Rossi
Verlag: Junfermann