Wie wechsele ich meinen Beruf in meinem Alter?
Beruflicher Neubeginn: Vom Privileg des beruflichen Wechsels (Teil 1)
Posted on 17. April 2018 · Posted in Allgemein, Blog

Wenn ich mir vorstelle, mein Vater oder Großvater hätte mit Mitte 40 gesagt: „Leute, ich möchte mich beruflich umorientieren und was ganz anderes machen,“ dann hätten die meisten sicher gedacht: „Der Alte dreht durch. Jetzt spinnt er völlig!“ Früher war es keine Seltenheit, von der Ausbildung bis zur Rente im selben Beruf, ja sogar in der selben Firma, zu arbeiten. Heute finden wir völlig andere Gegebenheiten vor: Berufswechsel sind eher der Regelfall als die Ausnahme. Das heißt nicht, dass diese immer einfach und problemlos über die Bühne gehen. Es ist auch nicht jedermanns Sache, beruflich noch einmal von vorne anzufangen.

Doch vielleicht bist du in einer Phase deines Lebens, in der du gerne noch einmal beruflich neu beginnen möchtest? Vielleicht stehst du an einer Weggabelung und bist nicht sicher, welcher Weg der richtige ist? Ich möchte dir in diesem Beitrag Mut zum beruflichen Wechsel und Veränderung in jedem Alter machen – auch und gerade, wenn der Weg (noch) nicht klar ersichtlich ist.

Der schlechteste Weg, den man wählen kann, ist der, keinen zu wählen. (Friedrich der Große)

 

Vom Gärtner zum Entertainer

joweissco hypnose vom Gärtner zum Therapeuten

Ich hatte in 48 Jahren dreimal das Glück, einen Beruf und gleichzeitig eine Berufung zu leben, die ich liebte und in der ich erfolgreich war. Ich wechselte meinen Beruf also dreimal. In meinem ersten Beruf als Gärtner blühte ich im wahrsten Sinne des Wortes auf. Als junger Mann wollte ich zupacken und körperlich arbeiten. Einige meiner damaligen Freunde waren Gärtner und so wusste ich, was auf mich zukam. Der Geruch von frischer Erde, das Arbeiten im Freien bei Wind und Wetter, ein tiefes Verständnis für die Bedeutung der Bäume und Pflanzen sowie der Natur um uns herum. Im Verkauf liebte ich den Kundenkontakt und die Weitergabe meines Wissens. Noch heute, mehr als 25 Jahre später, erkenne ich einen Großteil der Pflanzen, wenn ich draußen unterwegs bin.

Manchmal wundere ich mich, wie wenig die Menschen über die immense Wichtigkeit der Vegetation wissen und wie wenig Aufmerksamkeit sie ihr schenken. Ich lebe in dem Bewusstsein, dass wir mit moderner Technik zwar die unglaublichsten Dinge bewegen können. Doch eines bekommen wir dadurch nicht: saubere Luft zum Atmen. Im Lauf der Jahrmillionen lernten sie, sich an die unterschiedlichsten Gegebenheiten anzupassen. Größen und Formen von unglaublicher Vielfalt. Vom zierlichen Blümchen bis zum gigantischen Baumriesen, produzieren sie alle Sauerstoff, ohne den wir nicht überleben könnten. Meine Erfahrungen aus dem Gärtnerberuf ließen mich dankbar werden.

Ein privater Umzug 1991, von Bayern nach Berlin, leitete meinen ersten Berufswechsel ein. In dieser pulsierenden Stadt voller Möglichkeiten wollte ich kreativ tätig sein. Ein Anteil, der schon lange in mir geschlummert hatte, wollte ausgelebt werden. Und so entschied ich mich, sehr zur Verwunderung meiner Familie, für den Besuch einer Schule für darstellende Kunst. Akrobatik, Modern Dance, Ballett, Schauspiel und Pantomime standen auf dem Programm. Es war aufregend, inspirierend und zugleich herausfordernd und anstrengend. Ich war 21 Jahre jung und komplett in eine andere Welt eingetaucht. „Junge, wie willst du denn davon leben? Du kannst doch nicht einfach alles über den Haufen werfen! Du hattest doch schon eine eigene Firma. Als Künstler verdienst du doch kein Geld!“, klingt es mir noch heute in meinen Ohren. Doch ich war fest entschlossen, als Entertainer zu arbeiten. Nach drei Jahren Ausbildung lebte ich diesen Beruf weitere 20 Jahre lang. Dabei durfte ich Erfahrungen sammeln, von denen ich früher nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Während in meinem Bekanntenkreis viele Menschen in ihren vermeintlich sicheren Jobs wegrationalisiert wurden, durfte ich viel reisen und fremde Kulturen kennenlernen. Ich lernte, im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen, den Umgang mit Drucksituationen, Auftrittsstress, häufig wechselnde Umgebungen, Premieren in jeglicher Hinsicht. Von Straßenshows und offenen Bühnen führte mich der künstlerische Weg unter anderem nach Paris ins Moulin Rouge, zum internationalen Comedy Festival „Just for Laughs“ in Montreal und nicht zuletzt ins Mekka der Branche: an den New Yorker Broadway. Und das, obwohl es kein erklärtes Ziel war. Es waren Stationen, die sich auf dem Weg ergaben.

Als Entertainer zu arbeiten ist eine großartige Erfahrung und gleichzeitig kostet es einen hohen Preis: wenig feste Beziehungen und Zeit, um Freundschaften zu pflegen. Flughäfen, Hotels, Theater und immer wieder warten: Warten auf Sound Checks, Ensembleproben, Interviews, Hotelshuttles, Flugzeuge und Züge. Nach 20 Jahren konnte ich keinen Koffer mehr sehen. Wieder einmal war es an der Zeit für einen beruflichen Wechsel.

Sich entscheiden zu können, ist etwas ganz anderes, als sich entscheiden zu müssen. (Harry Truschzinski)

 

Von der Rampensau zum Therapeuten

keinen geradlinigen Lebenslauf Berufswechsel haben ihren SinnMeine Aufgabe als Entertainer war getan. Das Ende war erneut ungeplant gewesen. Mein Bedürfnis nach einem Platz, an dem die Menschen zu mir kommen und nicht umgekehrt, war immer stärker geworden. Über viele Jahre im Rampenlicht zu stehen, bringt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Anerkennung. Gleichzeitig gilt es, Erwartungen zu bedienen und den Gesetzen des Showbusiness Folge zu leisten. Die Show steht an erster Stelle; alles andere hat sich unterzuordnen. Um diesen Herausforderungen gewachsen zu sein, beschäftigte ich mich viel mit mentalen Strategien. Denn ich wollte diesen wunderbaren Beruf nüchtern und ohne Zuhilfenahme von Substanzen ausüben. So landete ich im Laufe der Jahre bei der Hypnose. Diese wirkungsvolle Methode half mir, mich zu erden, zu entspannen, aufzutanken und immer mehr im Gleichgewicht zu sein. Mein Umfeld nahm meine Veränderung deutlich wahr und ich begann, mich vermehrt mit Menschen über Hypnose, Persönlichkeitsentwicklung und -verwirklichung sowohl im privaten, als auch im beruflichen Kontext, auseinanderzusetzen. Die Idee, eine eigene Praxis zu eröffnen, in der ich zunächst als Hypnose-Coach, und nach der entsprechenden Qualifikation zum Heilpraktiker für Psychotherapie, als Hypnosetherapeut arbeiten würde, war geboren – im Gegensatz zu früher dieses Mal mit einem konkreten Plan.

Seit nunmehr sechs Jahren arbeite ich in diesem Beruf. In dieser Zeit durfte ich viele Menschen dabei begleiten, sich von Blockaden zu befreien, ihre Ängste loszulassen und mutig nach vorn zu gehen. Es ist eine zutiefst sinnvolle und beseelende Aufgabe.

 

Der Kreis schließt sich

Zu erleben, wie all meine vorhergehenden Stationen in den Therapeutenberuf einfließen, ist ein intensives Glücksgefühl. Jede Krise, jedes Erfolgserlebnis, jede Begegnung findet sich in den Sitzungen wieder. Nun liest sich das vielleicht so, als wäre mein beruflicher Weg und die damit verbundenen Wechsel glatt und schnurstracks erfolgreich durchgegangen. Selbstverständlich war dem nicht so. Wie bei einer Vielzahl anderer Menschen waren da Zweifel, Rückschläge, Großbaustellen und Sackgassen. Doch all das war es wert. Menschen auf dem Weg zu ihrer Berufung – Menschen wie du und ich – bringen die Saat aus, in Form von Mut und durch Zweifel gehen. Sie investieren Zeit, Geduld, Geld und Herzblut, bis sie ernten dürfen. Sie suchen sich Gleichgesinnte und gönnen sich Unterstützung von Profis. Und dann verwirklichen sie ihren Traum.

In meinen Sitzungen mit Menschen wie dir erlebe ich viele, die den Preis dafür bezahlen, wenn sie ihre Träume zugunsten einer vermeintlichen Sicherheit aufgeben. Denn jeder unerfüllte Traum ist ein Luftschloss zu viel.

Im zweiten Teil dieses Beitrags stelle ich dir eines meiner Lieblingswerkzeuge für Entscheidungsfindungen und persönliche Weiterentwicklung vor.

Bis dahin wünsche ich Dir eine wundervolle Zeit: Schritt für Schritt ins Glück.

Herzlichst,

Jojo Weiß